Gut leben, wenn es heißer wird?
Wie Klimaanpassung und Klimaresilienz unser Zusammenleben verändern können.
Der Münchner Klimaherbst widmet sich jedes Jahr einem neuen Themenschwerpunkt. 2026 dreht sich alles um „Klimaanpassung, Resilienz und das gute Leben“. Hier geben wir einen Einblick in die zentralen Inhalte, Fragen und Perspektiven, die den Klimaherbst 2026 prägen.
Sommer in der Stadt
Mach die Augen zu und denk an den Sommer in München… Bestimmt hast du sofort Bilder vor Augen: von deinem Lieblingseis in der Hand, von einem Sprung ins kühle Nass, von Menschen mit Sonnenbrillen, lauen Nächten, Lachen und Musik, die noch bis spät durch die Straßen hallt, von einer gelösten und entspannten Atmosphäre in der ganzen Stadt.
Oft sehnen wir uns nach den schönen, warmen Sommertagen. Doch wer in München lebt, weiß auch: Im Sommer ist die Hitze in der Stadt oft unerträglich – der Asphalt und parkende Autos heizen sich durch die Sonneneinstrahlung auf und heben die Temperaturen weiter in die Höhe. Wenn man sich nicht im Englischen Garten oder in einem der anderen Parks aufhält, gibt es zu wenig Bäume und andere Schattenquellen, unter denen man sich vor der brütenden Sonne schützen kann. Auch Bäche und andere Gewässer sind vielerorts Mangelware, wodurch kühlende Verdunstung fehlt. Und in den Gebäuden ist es oftmals nicht besser. Eine schlechte Dämmung sorgt dafür, dass sich Wohnungen über längere Hitzeperioden stark aufheizen und in tropischen Nächten gibt es auch kaum Möglichkeiten, die Innentemperaturen wieder zu senken.
Die Klimakrise sorgt dafür, dass Hitzeperioden öfter auftreten, länger andauern und immer extremer werden. Besonders in Städten wie München sind die Folgen schwerwiegend, denn: Städte heizen sich besonders auf und werden dann zu sogenannten Hitzeinseln. Laut Deutschem Wetterdienst kann es an Sommertagen und -nächten bis zu 12 Grad heißer sein als im Umland – das entspricht einem Unterschied zwischen München und Süditalien. Diese Hitze ist insbesondere für ältere Menschen, aber auch für Säuglinge, Kleinkinder und gesundheitlich vorbelastete Menschen gefährlich. Sie kann zu Hitzschlägen, zur Verschärfung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und im schlimmsten Fall zum Tod führen.
Schutz durch Anpassung – ein zweischneidiges Schwert
Deswegen ist es natürlich einerseits enorm wichtig, eine weitere Verschärfung der Klimakrise zu verhindern und den Ausstoß von Treibhausgasen so schnell wie möglich zu reduzieren. Gleichzeitig zeigt das Beispiel Hitze, wie dringend Maßnahmen zur Anpassung an die Folgen der Klimakrise, die sogenannte Klimaanpassung, sind. Stadtgrün und -blau – also Pflanzen, insbesondere Bäume, und Gewässer – sind dabei keine Wohlfühlfaktoren oder “nice to have”. Ihr Vorhandensein kann im Ernstfall über Leben und Tod entscheiden. Hinzu kommen weitere Maßnahmen wie Hitzeschutzpläne, Entsiegelung oder Gebäudedämmung.
Doch Hitze ist nicht die einzige Herausforderung. Auch andere Folgen der Klimakrise erfordern Anpassung: Extremwetterereignisse, wie Stürme und Starkregen, nehmen zu und führen immer häufiger zu Katastrophen, wie Überschwemmungen. Vorsorge kann hier bedeuten, Flussläufe zu renaturieren, Rückhalteflächen für Flussübertritte zu schaffen oder Deiche zu verstärken.
Manche dieser Klimaanpassungsmaßnahmen zahlen direkt auf das Konto des Klimaschutzes ein, eine bessere Gebäudedämmung etwa führt auch zu Einsparung von Energie beim Heizen. Andere können ihm entgegenstehen, zum Beispiel der Einsatz von Klimaanlagen mit hohem Stromverbrauch. Gerade angesichts knapper privater und öffentlicher Kassen stellen sich deshalb Fragen: Welche Maßnahmen sind am dringendsten? Welche bringen mehrfachen Nutzen? Und wer profitiert davon?
Hinzu kommen tiefgreifende Gerechtigkeitsfragen. Beispielsweise danach, wer sich die Miete in gut gedämmten und klimatisierten Wohnungen überhaupt leisten kann. Oder noch viel grundlegender, ob wir im globalen Norden, als die historisch größten Verursacher der Klimakrise, unseren eigenen Schutz durch Klimaanpassung über den globalen Klimaschutz stellen dürfen. Konkret etwa dann, wenn Milliarden in lokale Kühlung, technische Schutzmaßnahmen und Infrastruktur fließen, während gleichzeitig dringend nötige Emissionsminderungen oder internationale Klimahilfen zu langsam vorankommen. Auch diese Aspekte müssen bei der Planung von Klimaanpassungsmaßnahmen berücksichtigt werden.
Doch selbst die beste Klimaanpassung stößt an Grenzen. Nicht jede Hitzewelle lässt sich “wegbeschatten”, nicht jede Überschwemmung verhindern. Was passiert, wenn bei der nächsten Hitzewelle Pflegekräfte am Limit arbeiten, Krankenhäuser überlastet sind oder Menschen vereinsamen, weil sie ihre Wohnung kaum verlassen können?
An diesem Punkt reicht Klimaanpassung allein nicht mehr aus – es braucht Klimaresilienz.
Klimaresilienz – ein ungehobener Schatz
Der Begriff Resilienz stammt ursprünglich aus der Psychologie und beschreibt die Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu bewältigen. Übertragen auf die Klimakrise geht es darum, mit ihren Folgen so umzugehen, dass sie uns langfristig nicht schaden. Klimaanpassung versucht, die Welt um uns herum erträglicher zu machen. Klimaresilienz fragt, ob wir selbst – als Einzelne und als Gesellschaft – stark genug sind, in dieser veränderten Welt zu leben.
Klimaresilienz entscheidet sich nicht nur in der Stadtplanung, sondern im Alltag der Menschen. Sie zeigt sich darin, ob jemand bei extremer Hitze medizinisch versorgt wird, ob Nachbar:innen einander im Blick behalten, ob es Orte gibt, an denen Schutz, Abkühlung und Gemeinschaft möglich sind. Ebenso geht es darum, wie belastbar unsere sozialen Sicherungssysteme sind, wie krisenfest unsere Gesundheitsversorgung ist und ob wir psychisch in der Lage sind, mit ständigen Bedrohungen und Verlusten umzugehen.
Klimaresilienz bedeutet, Vorsorge zu treffen – körperlich, sozial und emotional –, damit aus Belastungen keine dauerhaften Schäden werden. Sie umfasst aber auch eine funktionierende (Notfall-)Versorgung für Alle: medizinisch, psychisch und sozial. Und sie entscheidet letztlich darüber, ob die Klimakrise unsere Gesellschaft spaltet oder ob es uns gelingt, auch unter immer schwierigeren Bedingungen füreinander da zu sein.
Das heißt, dass Klimaresilienz einerseits jede und jeden Einzelne:n betrifft – gleichzeitig zeigt sich in ihr die Stärke von lokalen Gemeinschaften und sogar ganzen Gesellschaften. Und darin steckt auch ihr oft übersehenes Potenzial. Wie schön wären Nachbarschaften, in denen die Menschen aufeinander achten? Wie wertvoll wäre ein Gesundheitssystem, das Vorsorge ernst nimmt und im Notfall für alle da ist? Wie lebenswert wären Städte und Gemeinden mit viel Grün und Blau, mit Raum für Begegnung und Austausch? Und wäre es nicht tröstlich, wenn wir angesichts der Klimakrise näher zusammenrücken und einander helfen, anstatt uns über unseren Umgang mit ihr zu entzweien?
Schöne neue Welt?
Über Klimaanpassung und Klimaresilienz nachzudenken heißt deshalb auch, darüber nachzudenken, wie wir leben wollen – als Einzelne, als Gemeinschaften und als Gesellschaft. Und da schließt sich letztendlich auch der Kreis: Wenn es uns gelingt, ein “gutes Leben” stärker über Gemeinschaft, Solidarität, gemeinsames Erleben und geteilte Räume zu definieren und weniger über Konsum, Wachstum und Individualismus, dann könnte das auch den Klimaschutz voranbringen.
Vielleicht ist das genau die Chance dieser Krise: uns von einer Lebensweise zu lösen, die auf Kosten von Klima, Umwelt und Menschen geht und stattdessen neue Vorstellungen von Wohlstand zu entwickeln.
